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Diesmal verlassen wir etwas die gewohnten Pfade, denn an dieser Stelle gibt es keinen neuen Artikel über eine bestimmte Tierart.

Wir freuen uns über einen Gastbeitrag über das Ökosystem der Großen Seen Nordamerikas, den Christina Schulthoff verfasst hat. Christina Schulthoff ist Journalistin und Anthropologin mit dem Schwerpunkt Natur- und Artenschutz. Da sie in den USA studiert hat, ist sie mit der Thematik "Die Großen Seen und ihre Gefährdung" besonders gut vertraut.



Das Ökosystem der Großen Seen Nordamerikas

Die Großen Seen - Eine Welt voller Schönheit und Artenvielfalt

Nur wenige Ökosysteme überbieten das der Großen Seen an Massivität, Größe und Schönheit. Hier herrscht eine ungeheure Artenvielfalt und Lebendigkeit. Eine Idylle, der durch Industrie, Ölbohrungen, und die Einführung neuartiger, exotischer Spezies die Zerstörung droht.

Millionen von Jahren und eine Vielzahl geologischer Kräfte waren nötig, um die Großen Seen in ihrer heutigen Form zu schaffen. Besonders Gletscher spielten bei diesem Schöpfungsakt eine wichtige Rolle. Die Schmelze der riesigen Eisplatten in der relativ kurzen Zeit von 10,000 Jahren hinterließ die fünf, von Landmasse umgebenen Großen Seen: Lake Ontario, Erie, Superior, Huron und Michigan. Die Erdkruste in dieser Gegend hat sich bis heute nicht vollständig von der letzten Gletscherschmelze erholt. Einige Stellen des Ökosystems wachsen schneller in die Höhe, als jede aktive nordamerikanische Bergkette.

Zusammen enthalten die fünf Großen Seen etwa ein Fünftel der Süßwasserreserven der Erde - fast 23 Quadrillionen Liter. Würde man die Seen auf die Vereinigten Staaten ergießen, so stünde das Festland unter mehr als zweieinhalb Metern Wasser. Die Gesamtoberfläche der Großen Seen beträgt über 150,000 Quadratkilometer, etwa die Größe des Staates Oregon. Das Ökosystem erstreckt sich über mehr als zehn Grad Länge und 18 Grad Breite. Die 16,000 Kilometer Küstenlinie beinhalten drei Waldarten, acht Staaten der USA und eine Provinz Kanadas.

Die glitzernden Wellen und das scheinbar endlose Blau des Wassers der Seen verzaubert seine Betrachter. Lake Superior ist der größte Süßwassersee der Erde (gemessen an Oberfläche). Die Dünen Lake Michigans bilden die längste Strecke von Süßwasserdünen der Welt. Teile der Großen Seen sind umgeben von einigen der ältesten Felsen der Erde, sie sind fast drei Milliarden Jahre alt.

Die Küsten und umliegenden Wälder der Seen beheimaten Wölfe, Elche und Hirsche. Das Ökosystem weist jedoch auch viele Spezies auf, die noch weitaus seltener sind: eine extrem seltene Art der Orchidee, eine Irisspezies, die nur am nördlichen Ende des Lake Michigan und Lake Huron zu finden ist, sowie eine seltene Störspezies.

Die Gezeiten der Großen Seen sind kaum spürbar, aber manche Stürme sind so gewaltig, dass sie Menschen von den Pieren werfen und Boote aus ihren Verankerungen reißen. Graf Francis de Calstelneau beschrieb einen Sturm über Lake Michigan im Jahre 1842 so:

Ich habe die Stürme über dem English Channel gesehen, die Stürme der Ozeane, die Stürme an den Küsten Nordamerikas, die Hurrikane des Golfes von New Mexico. Doch nirgends ist der Zorn der Elemente vergleichbar mit den Stürmen dieses Süßwassersees.“

Einige Teile des Ökosystems werden heutzutage durch menschliche Aktivitäten wie die Erschaffung von Industrie-, Erholungs- und Touristengebieten zerstört. Andere Gegenden sind bisher jedoch geradezu unberührt von den Entwicklungen der Außenwelt geblieben. Hier herrscht auch heute noch Artenvielfalt, Schönheit und Harmonie.


Die Zerstörung der Großen Seen

Neben all seiner Schönheit hat das Ökosystem auch ein zweites Gesicht, das sich sehr von der lebendigen Tier- und Pflanzenwelt, den Dünen, Wäldern und Sümpfen unterscheidet. Die Großen Seen sind nicht nur ein Naturschauspiel, sondern auch das industrielle Herz Kanadas sowie Amerikas.

Es fährt mehr Schiffsverkehr durch den Soo Locks zwischen dem Lake Superior und Lake Huron, als durch den Suezkanal. Seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert ist die Gegend das Industrielle Zentrum Nordamerikas. Bis heute liefert es Kupfer, Eisen und Nutzholz. All diese Aktivitäten ziehen nun ihre Konsequenzen nach sich und weite Teile der Großen Seen sind stark verschmutzt.


Entwaldung und ausgewaschene Habitate

Um Leute zu bewegen, in die weniger fruchtbaren Gebiete des Mittleren Westens zu ziehen, bot die amerikanische Regierung den Siedlern zur Hochzeit der Immigration billiges Land in bewaldeten Gegenden an. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Millionen von Hektar Pinienwald gerodet worden, um Farmen in Michigan, Wisconsin und Minnesota zu gründen. Die Nutzholzindustrie blühte ebenfalls auf. Dies zerstörte das Inland und die Fischbestände der Großen Seen.

Da es nun weniger Bäume gab, wurde mehr Erde abgetragen und ausgewaschen. Dies zog die Verstopfung von Bächen und Nebenflüssen nach sich und viele Laichgebiete wurden zerstört. Entwaldung bedeutete ebenso den Verlust von vielen Baumkronen, die zuvor Schatten gespendet und die Temperatur des Wassers kühl gehalten hatten. Durch Wassererwärmung konnten viele Fischarten und ihre Laiche nicht überleben.

In einem besonderen Verfahren trieben“ Holzfäller die gefällten Baumstämme flussabwärts zu den Sägemühlen. Dies wühlte die Flussbetten auf, was die Zerstörung von Lebensräumen für Fische, ihre Beute und ihre Jungen zur Folge hatte.

Abfall durch die Nutzholzindustrie ergoss sich schließlich in die Großen Seen, wodurch das Wasser trübe und Laichgebiete unter Schichtsand verschüttet wurden.

Eine weitere umweltzerstörende Konsequenz der Rodung urzeitlicher Pinienwälder waren riesige, unkontrollierbare Waldbrände. Das katastrophalste unter diesen Feuern war das Peshtigo Feuer von 1871, welches über sechs Tage wütete, fast 1,300 Menschen tötete und mehr als eine Million Hektar gerodetes Land auffraß.


Zerstörung durch die Industriebetriebe

Schließlich forderten auch wachsender Populationsdruck und Verschmutzungen durch industrielle Abfälle ihren Zoll. Das Gesamte Ökosystem wurde hierdurch beeinträchtigt. In Green Bay im US-Staat Wisconsin wurden die Lebensräume für viele Arten von Fischen und die Wasserqualität durch Abfälle von Sägemühlen zerstört. Die Küstenlinien des Lake Erie verfielen ebenfalls zusehends durch einen großen Zufluss von Stickstoff, Phosphor und anderen Nährstoffen, die zu der Ausbreitung von Wasserpflanzen beitrugen. Durch den Zersetzungsprozess dieser Pflanzen wurde der Sauerstoffgehalt des Wassers reduziert. Dies hatte dramatische Folgen für das Leben in den Ufergebieten der Großen Seen. In vielen Gegenden ist heutzutage daher kaum noch Leben zu finden. Diese Verschmutzung führte letztendlich zu einem Zusammenbruch der Hecht- und Heringsbestände in den Großen Seen.

Auch Chlorbleiche, die zur Weißung des Papiers in vielen Papierfabriken benutzt wird, stellt eine große Gefahr für die Lebewesen der Großen Seen dar. Durch diesen Bleichprozess entstehen beständige Giftstoffe wie zum Beispiel Blei, Arsen, Quecksilber und viele andere giftige Chemikalien. Diese Chemikalien werden nur über einen sehr langen Zeitraum hinweg abgebaut und gelangen durch die Nahrungskette immer weiter nach oben. Somit konzentriert sich die Giftdosis bis auf das 25 millionenfache. Pflanzen, Fische, Vögel und Säugetiere werden hierdurch geschädigt. Sie geben die Giftstoffe an ihre Jungen schon vor der Geburt weiter, wenn sie am empfänglichsten für die hierdurch entstehenden Folgeschäden sind. So entstehen Geburtsfehler, Behinderungen, Abnormalitäten bei den Fortpflanzungsorganen, Krebs und vieles mehr.


Verschleppte Spezies

Die Eröffnung der St. Lawrence Seestraße und des Welland Kanals hat es für Schiffe möglich gemacht, die Niagara Fälle zu umfahren und die vier anderen Großen Seen durch Lake Ontario zu erreichen. Die ist zwar ein Segen für den Handel und die Schifffahrt, doch es bedeutet das genaue Gegenteil für die Unterwasserwelt. Die ausländischen Schiffe bringen so fremde Arten von Muscheln und andere Lebewesen in die Großen Seen. Diese verschleppten Spezies aus den verschiedenen Weltmeeren waren und sind extrem widerstands- und anpassungsfähig. Das neue Leben im Süßwasser und in den unterschiedlichsten Temperaturen ist somit kein Problem für sie. Eine der neuesten exotischen Spezies im Ökosystem der Großen Seen ist die Zebramuschel, ein daumennagelgroßes Weichtier, das in den späten achtziger Jahren eingeführt wurde. Sie vermehrte sich schnell und ist nun in allen der fünf Seen zu finden. Die Zebramuscheln rotten allein durch ihre Vielzahl viele der heimischen Spezies aus. Vor allem durch Nahrungsmangel sterben so viele Urbewohner der großen Seen aus. Die Artenvielfalt des Ökosystems schrumpft somit immer mehr in sich zusammen.


Ölbohrungen unter den Großen Seen

Die Schäden durch Industrieverschmutzung und verschleppte Spezies sind jedoch nicht das einzige Problem. Eine andere Bedrohung entsteht durch die Bohrungen nach Öl und Naturgasen unter den Großen Seen. Durch die Bohrungen werden Brutplätze und Lebensräume zerstört. Wasserstoffsulfat, auch Saures Gas“ genannt, gefährdet auch Mensch und Tier an Land, wenn es aus Transportleitungen austritt. Durch Langzeitaussetzung können chronische Schäden entstehen.


Licht am Ende des Tunnels

Trotz all dieser Gefährdungen, gibt es auch viele Fortschritte im Naturschutz der Großen Seen. Hier wird schon seit langem revolutionäre Forschung auf dem Gebiet des Artenschutzes betrieben. Im Wasserqualitäts Abkommen von 1978 haben sich die USA und Kanada dazu verpflichtet, den Ausstoß giftiger Substanzen einzuschränken und die Nutzung von Chlorbleiche mit der Zeit komplett abzuschaffen. Die Gouverneure der acht US-Staaten an den Großen Seen haben ebenfalls eine Erklärung unterzeichnet, in der es um das völlige Verbot von Öl - und Gasbohrungen geht.

Durch diese und andere Maßnahmen kann man heute schon Erfolge sehen: Die Konzentration von PCBs in den Süßwasserforellen der Großen Seen ist im Vergleich zu 1973 um fast 90 Prozent gesunken. Die Wildtierbestände bei Adlern, Kormoranen und anderen Lebewesen haben sich seit den siebziger Jahren in diesem Ökosystem ebenfalls dramatisch vergrößert. Auch wollen die USA und Kanada nun nicht mehr, wie ursprünglich geplant, Wasser aus den Großen Seen pumpen, um es als Trinkwasser an andere Länder zu verkaufen. Die Gemeinden um die Großen Seen müssen sich nun ebenfalls neuen Regeln unterwerfen, statt uneingeschränkt Wasser verbrauchen zu dürfen. Dies soll verhindern, dass die Wasserspiegel der Seen weiterhin fallen.

Trotz all dieser Zeichen guten Willens müssen Wissenschaftler und Naturschützer zugeben, dass sie von dem Ziel, die Verschmutzung und Zerstörung des Ökosystems weitestgehend einzudämmen, weit entfernt sind. Es ist zu bezweifeln, ob die Großen Seen jemals wieder zu dem idyllischen Königreich der Artenvielfalt werden, das sie einmal darstellten. Die fast perfekte ökologische Balance, die hier einst herrschte, wird wohl nie vollständig wiederhergestellt werden. Die europäischen Siedler, die Industrielle Revolution, sowie die Einführung von Giftstoffen und verschleppten Spezies hat dies für immer unmöglich gemacht.




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